Ihr Schießen

Joseph Braun,  6. Januar 2009

Geschichtlicher Überblick

Im 12. Und 13. Jahrhundert entwickelten sich Burg Rode und die zum Festungsberiech gehörenden Ansiedlungen von Handwerkern, Bauern und Geschäftsleuten zu einem stark befestigten Platz. Er diente als Bollwerk gegen das Jülicher Territorium und darüber hinaus den Limburger Grafen zugleich als Zollstelle am Schnittpunkt bedeutender Verkehrswege, so der Straße nach Aachen und der Römerstraße von Maastricht nach Köln. Diese Anlagen – häufig Streitobjekt – galt es zu verteidigen. Da die aus Söldnern bestehenden Burgbesatzung zur Verteidigung bald nicht mehr ausreichte, wurden Bürger zur Selbstverteidigung mobilisiert. Es entstand eine Bürgerwehr, aus der die heutige St. Sebastiani Armbrustschützen-Gesellschaft Anno 1250 Herzogenrath hervorging. Aufgabe der Gilde oder Bruderschaft war es, wie Josef Oppenhoff in einer Untersuchung aus dem Jahre 1921 berichtet, Bürger im Waffenhandwerk zu üben und zur Verteidigung der Platzes wehrbar und tüchtig zu machen, um im Kriegsfalle gemeinsam mit ihr die Feste s`Hertogenrode verteidigen zu können. In dieser Hinsicht hatte sich die Schützengesellschaft verdient gemacht. Als Dank und Anerkennung schenkte die Stadt den Schützen einen Teil der Burg- bzw. Stadtgräben, in denen sie ihre Schießübungen abhalten konnten.

Der Scheibeschütze

Der Scheibeschütze


Seit Erfindung der Feuerwaffen hatten die Befestigungsanlagen und die Armbrust ihre Bedeutung bei der Verteidigung verloren. Von dieser Zeit an diente das Schießen mit der Armbrust keinen militärischen Zwecken mehr. Aber das Armbrustschießen wurde, um die Tradition des Schießens zu erhalten, fortgesetzt und fand nunmehr auf der Schief- oder Scheibenbahn in der Gegend der heutigen Schütz-von-Rode Straße statt. Die Schießübungen wurden an jedem Sonntag in den Monaten Mai bis September veranstaltet. Jeder Schütze war verpflichtet, an sieben Sonntagen im Jahr in den genannten Monaten zu erscheinen, um seiner Übung auf der Schießbahn durch Zielschießen auf die Scheibe nachzukommen. Darauf ist der Name Schief- oder Scheibenbahn zurückzuführen. Es mußten stets sechs Schützen gleichzeitig anwesend sein; diese sollten nicht nur zum Schießen antreten, sondern auch, um mit ihren Mitbrüdern Kontakte zu pflegen und Freude zu haben. Alles musste aber ehrbar zugehen; Fluchen, Zänkereien und ungebührliche Reden waren verboten. Zuwiderhandlungen wurden nach einem Beschluß von 1595 mit dem Stiften einer halben Tonne Bier bestraft.
Der Armbruster

Der Armbruster


Im Regelement von 1818 wurde angeordnet, daß jeder Schütze auch eine gute Büchse besitzen müsse. Es wurde abwehselnd mit der Armbrust und der Büchse geschossen. Über dieses Schießen abwechselnd mit Armbrust oder Büchse wird bis zum Jahr 1849 berichtet. Danach wird bei den Armbrustschützen nur noch die Armbrust erwähnt.

Später – für das 18. Jahrhundert ist dies durch Rechnungen belegt – wurde auf dem mit der Schiefbahn in Verbindung stehenden Beckenberg eine Vogelstange aufgestellt und zum Vergnügen auf den „Pläsiervogel“ geschossen.

Im Jahre 1837 erhielt die Schützengesellschaft von der Gemeinde das Recht, ihr Schießen auf den Vogel auf dem Gemeindegrundstück, dem heutigen Fuchsberg, durchzuführen. Seit dieser Zeit ist vom Schießen auf die Scheibe nicht mehr die Rede. Für die Nutzung bestand und besteht heute ein langfristiger Pachtvertag mit der Stadt.

Gerätschaften

Die europäische Armbrust hatte Kriegern und Jägern schon mehr als tausend Jahre als mechanische Fernwaffe gedient, ehe sie seit dem 15. Jahrhundert mehr und mehr den Feuerwaffen weichen mußte. Zuerst wurde sie als Kriegswaffe abgelegt, aber im 16. Jahrhundert weiterhin noch als Jagdwaffe verwendet.

Zur Ausrüstung der Schützen gehörte die Armbrust mit der Stahllatte und den dazugehörigen Geräten. Für die Herstellung war früher der Armbruster oder Bogner zuständig.

Die Armbrust, die man seinerzeit benutzte, ist im wesentlichen mit dem heute eingesetzten Gerät vergleichbar. Sie wird noch immer handgefertigt. Nur wenige Idealisten sind aufgrund von jahrelangen Erfahrungen, Spezialkenntnissen und handwerklichem Geschick und Können in der Lage, eine Armbrust mit der erforderlichen Präzision zu fertigen. Die Kunst der Herstellung wurde in der Regel nur in der Familie weitergegeben und nicht veröffentlicht. Sägen, Feilen, Bohrer, Spannhilfen, Winden verschiedener Art sowie eine Ziehbank gehörten zum Inventar der Armbrustwerkstätten alter Meister. Heute werden im Rahmen der manuellen Fertigung maschinelle Hilfsmittel eingesetzt.

Zu den Hauptbestandteilen einer Armbrust gehören Holzschaft (Armbrustkeule), die sogenannte Latte, das Schloß und die Sehne. Der Holzschaft aus Nußbaum oder Esche wurde früher mit einfachen Werkzeugen bearbeitet. Die Stahllatte (8 * 80 cm) – mitunter auch Stahlbogen genannt – trägt die Sehne und wurde vom Armbruster beim Bogenschmied erworben. Aufgrund beruflicher Beziehungen des verstorbenen Schützen Dr. Peter Esser wurden ausschließlich für die St. Sebastiani Schützen vor einigen Jahren Latten in kleinen Mengen industriell gefertigt (Maße: ca. 5cm breit, 77 – 78 cm lang, nach vorne zu den Spitzen hin konisch verjüngt verlaufend); sie wurden kaltgeschmiedet. Das Schloß mit der Nuß, das die gespannte Sehne halten muss, ist ein kompliziertes Präzisionsteil, bestehend aus ineinandergreifenden, gehärteten und polierten Einzelteilen. Das Schloß ist im Schaft eingebaut und durch eine Hebelfolge mit der Nuß (Metallwalze) verbunden. Die Metallnuß besteht aus Messing; sie legt in einer Lagerschale, hat an der Unterzeile eine Kerbe zum Einrasten der Abzugsstange und an der Oberseite die Spannkerbe mit den Nußfingern für die Sehne. Das Schloß ist ein Stecherschloß mit zwei Stechkanälen, das mittels eines Stechstiftes von Schützen oder seinem Einwinder vor jedem Schuß bereit gemacht – „gestochen“ – wird, um die Nuß zu arretieren.

Die Sehne wird aus Hanfschnur durch viele Windungen um zwei Zapfen zu einem Strang handgefertigt. Sie ist um ein bis zwei Zentimeter kürzer als der Abstand zwischen den Sehnenlagern auf der Latte. Daher ist die Sehne stets stramm ausgezogen. Nach einer gewissen Zeit verliert sie durch das Schießen an Spannkraft. Sie läßt sich nicht nachspannen und muß deshalb ausgewechselt werden.

Zu den Geräten des Schützen am Fuchsberg gehört auch die Winde, mit der die Armbrust bzw. die Sehne gespannt wird. Zum Spannen der Armbrust sind im Laufe der Zeit unterschiedliche Methoden entwickelt und praktiziert worden. Muskelkraft des Schützen wurde ersetzt durch verschiedene mechanische Spannhilfen. Seit langem werden Zahnstangenwinden eingesetzt. Die Winde wird beim Einwinden in einen festen Haken am untern Ende der auf den Kopf gestellten Armbrust eingehängt, um die Sehne in die Nuß zu ziehen und dadurch den Bogen zu spannen. Mit Hilfe der Winde kann so relativ leicht die Kraft angebracht werden, die nötig ist, den Bogen schußbereit zu machen.

Vor vielen Jahren wurden die von den Schützen benutzen Geschosse noch als Bolzen bezeichnet. Im Laufe der Zeit machten die Bolzen einige Entwicklungsstufen durch, insbesondere wurden die Eisenkronen am oberen Kopfende unterschiedlich geformt. Heute wird nicht mehr von Bolzen, sondern nur noch von Pfeilen gesprochen. Die jetzt verwendeten Pfeile, die aus abgelagertem Holz der Esche gefertigt werden, sind 235mm lang, ihr Durchmesser ist 20mm und sie wiegen etwa 160-170 Gramm. Der Pfeil verläuft nach unten auf 17mm leicht konisch aus und hat am Ende zwei Einfräsungen, damit er zwischen die beiden Finger der Nuß eingelegt werden kann.

Die Bolzen bzw. Pfeile wurden und werden im Köcher transportiert und aufbewahrt. Die Bolzenköcher waren früher mit Fell bezogene Holzkörper. Heute hat jeder Schütze einen aus Metall bestehenden Köcher in den Farben der Stadt Herzogenrath.

Nicht unbedeutend ist auch das Standbrett – „Brettchen“ genannt – das ebenfalls zur Ausrüstung des Schützen beim Schießen gehört. Hauptsächlich dient es dazu, beim Einwinden die notwendige Standfestigkeit der Armbrust zu gewährleisten; darüber hinaus wird die Armbrust auch während der Schießpausen darin eingestellt. Schließlich kennzeichnet ein kleines Fähnchen in den Stadtfarben den Schießplatz eines jeden Schützen am Fuchsberg.

Der Aufzug der Schützen

Das Schützenfest ist der Höhepunkt eines jeden Schützenjahres. Sicherlich was das Interesse der Bevölkerung an Brauchtum und Tradition in früheren Jahren größer und die Feste volkstümlicher als in der jetzigen Zeit. Jedoch kommt dem Schützenfest der St. Sebastiani Armbrustschützen-Gesellschaft Anno 1250 Herzogenrath im Veranstaltungskalender der Stadt auch heute noch eine besondere Bedeutung zu.

Schon immer war der Ablauf der Feierlichkeiten im Reglement festgeschrieben; so wurde auch der Aufzug der Schützen zum Schießplatz bestimmt. Früher wurde der Kaiser oder König von den Schützen mit Musik abgeholt und zum Schießplatz geleitet. Die Musiker waren vor vielen Jahren Trommler und Pfeifer; später ließ man Musikanten aus Aachen kommen, die mehrere Tage in der Stad blieben. In der Zeit zwischen 1872 und 1914 wurden auch Militärkapellen aus Aachen verpflichtet. Dem besonderen Interesse der Bevölkerung der Stadt an diesem Fest war es zu verdanken, daß die Straßen festlich mit Fahnen geschmückt wurden und die Bürger beim Volksfest regen Anteil am Aufzug der Schützen nahmen.

In früheren Jahren trafen sich die Schützen zum gemeinsamen Aufmarsch im Schützenlokal, der Gaststätte Wierichs, gelegen in der ehemaligen Haupt- und der heutigen oberen Kleikstraße. In bestimmter Reihenfolge – nämlich Fähnrich, König, dahinter die Schützenmeister und die Schützen – wurde dann das Schützenlokal verlassen, während der Harmonie-Verein Cäcilia 1858 Herzogenrath Afden den Präsentiermarsch spielte. Anschließend machten sich die Schützen zum Abmarsch bereit. Seitdem die Gaststätte geschlossen ist, treffen sich die St. Sebastiani Armbrustschützen am Kapellchen, Ecke Hundforter Weg. Auch die Pfeiljungen und –mädchen, die Köcher oder Standbrett tragen, und die Armbrustträger erscheinen am Treffpunkt. Die Kleinsten und Jüngsten tragen die mit frischem Grün, Blumen und bunten Ballons geschmückten Holzvögel.

Die Kinder beim Aufzug

Die Kinder beim Aufzug


Einen besonderen Stellenwert beim festlichen Aufzug durch die Stadt hat „unsere“ Harmonie. Diese Kapelle begleitet seit über fünfzig Jahren mit ihren unverkennbaren Klängen die Schützen durch die Stadt zum Fuchsberg.

Zum festgesetzten Zeitpunkt holt die befreundete St. Sebastianus Schützenbrüderschaft Afden 1850 in Begleitung des Trommler- und Pfeiferkorps Herzogenrath die St. Sebastiani Armbrustschützen ab, um in einem gemeinsamen Festzug aufzuziehen. So bietet sich der Bevölkerung und den auswärtigen Gästen beim musikalischen Aufzug durch die mit Fahnen und Fähnchen in den Farben der Stadt geschmückten Straßen ein beschauliches Bild.

Der Aufzug der Schützen

Der Aufzug der Schützen


An der Spitze marschieren die Trommler und Pfeifer, dann folgt die Afdener Schützenbruderschaft. Es schließt sich die Harmonie Cäcilia an, die sich in der musikalischen Begleitung mit den Trommlern und Pfeifern abwechselt.

Der Schützenwart mit Hellebarde und Schärpe führt die St. Sebastiani Armbrustschützen-Gesellschaft Anno 1250 Herzogenrath an. Ihm folgen zunächst die Kleinen mit den geschmückten Vögeln und dann die Jungen und Mädchen mit Köchern und Brettchen und die Armburstträger. Es schließen sich der Fähnrich und die Schützen an, die in einer dem Reglement entsprechenden Reihenfolge aufziehen. In der ersten Reihe marschiert die amtierende königliche Majestät mit dem Königssilber, flankiert rechts vom 1. und links vom 2. Schützenmeister, die beide Schützensilber und die Schützenmeisterstäbe tragen. Eine amitierende kaiserliche Majestät würde in der ersten Reihe zur Rechten des Königs gehen. Die Reihenfolge der übrigen Schützen ergibt sich aus der Dauer ihrer Zugehörigkeit zur Gesellschaft.

Beim Schützenfest und anderen offiziellen Anlässen ist der Stresemann als Schützenanzug zu tragen, wobei zur weiteren Ausstattung der Zylinder gehört. Am schwarzen Jackett tragen die Schützen ihr Schützenabzeichen, eine rotgoldene Stoffschleife mit einer angehängten kleinen silbernen Armbrust, und die Scheibenpreiskönige zusätzlich ihre Scheibenpreise. Den offiziellen Schlußpunkt beim Aufzug der Schützen stellt der traditionelle dreimalige Rundgang um die Vogelstange dar. Vor den Schützen gehen ein Klarinettist und ein Trommler der Harmonie – vor etlichen Jahren waren es ein Trommler und ein Flötenspieler des Trommler- und Pfeiferkorps – die mit einer alten, eindrucksvollen Melodie, von den Musikern als „Möhne-Wibbel“ bezeichnet, das Schützenlied einleiten, das während des Umschreitens der Stange von den Schützen mit Begleitung der Harmonie gesungen wird. Damit wird der festliche Aufzug der St. Sebastiani Armburstschützen vor dem Königvogelschuß beendet.

Der Rundgang um die Stange

Der Rundgang um die Stange


Das Vogelschießen der St. Sebatianus Schützenbruderschaft Afden 1850 und der St. Sebastiani Armbrustschützen-Gesellschaft Anno 1250 Herzogenrath fand bis vor wenigen Jahren gleichzeitig an zwei unterschiedlichen Schießständen statt. Die St. Sebastianus Schützen schießen auf dem höher gelegenen Platz nahe der Alsdorfer Straße, während den St. Sebastiani Schützen das tiefer gelegene Schießareal an der Bergerstraße zur Verfügung steht.

Sicherheiten

Von besonderen Sicherheiten während des Schießens vor vielen Jahrzehnten wird nicht ausdrücklich berichtet. Heute sind die amtlichen Auflagen und offiziellen Vorschriften eng und streng auszulegen. Wer im Jahre 1989 zum Schützenfest auf den Fuchsberg kam, sah den Schießstand der Gesellschaft stark verändert. Um die Sicherheitsvorschriften zu erfüllen, war ein 20 Meter langes und 3,5 Meter tiefes Schutznetz, das die Gesamtlänge des Schießstandes überdacht, errichtet worden. Dieses an 16 stehenden Stangen befestigte PVC-Netz ähnelt in der Gesamtansicht dem Dach des Münchener Olympiastadions und fügt sich harmonisch in das Bild am Fuchsberg ein. Es bietet Schützen und Einwindern sicheren Schutz vor zurückprallenden Pfeilen. Inaktive Schützen halten sich während des Schießens im Schützenzelt am Schießplatz auf. Diese feste, mit Stahlblechen abgedeckte „Zelt“ dient darüber hinaus während der Schießpausen allen Schützen als Aufenthaltsort.

Schutznetz

Schutznetz


Neben den Schützen müssen insbesondere auch die Besucher durch Absperrungen und organisierte Aufsicht geschützt werden. Der Schießplatz selbst ist weiträumig durch feste Eisengitter abgesichert. Das weitere Umfeld, besonders der mit vielen Bäumen und Unterholz bewachsene Fuchsberg als Naherholungsgebiet ist so abzusichern, daß keine Spaziergänger oder Neugierige in den Bereich der herabfallenden Pfeile gelangen können. So werden an allen Wegen unübersehbar rot-weiße Flatterbänder mit entsprechenden Hinweisschildern angebracht; zudem sind mehrere Aufsichtspersonen sowohl im oberen als auch im unteren Bereich am Fuchsberg eingesetzt.

Das Schiessen am Fuchsberg

Die natürlichen Gegebenheiten des sich großartig präsentierenden Fuchsberges machen dieses Gelände für das Schützenfest in hervorragendem Maße geeignet. Die ganze Anlage befindet sich alljährlich dank der guten Pflege durch die Stadt in einem ausgezeichneten Zustand und bietet den zahlreichen Besuchern Sitzgelegenheiten wie in einer kleinen Arena.

Der Fuchsberg

Der Fuchsberg


Schon Josef Oppenhoff beschrieb die eigentümliche Handhabung des Vogelschusses der Gesellschaft: „Während anderorts jede Armbrust einzeln mit der Winde gespannt wird und die Schützen mit kurzen Pausen nacheinander ihren Schuß auf den Vogel abgegeben, stellen sich die Herzogenrather Bogenschützen in kurzem Halbkreise alle zusammen vor der Vogelstange auf. Jeder Schütze hat seinen eigenen Spanner hinter sich, zwölf Pfeile liegen vor ihm. Auf ein gegebenes Zeichen schießen alle Schütze gleichzeitig und ohne Rücksicht auf ihren Nebenmann ihre zwölf Pfeile ab; drei, vier Pfeile schwirren manchmal gleichzeitig um den Vogel. Hat jeder Schütze seine zwölf Geschosse versandt, so tritt eine Pause ein, während welcher die Bogenjungen die Pfeile suchen und zurückbringen. Ist dies geschehen, so beginnt eine neue Runde und so fort, bis der Vogel fällt Da die Pfeile gekennzeichnet sind, kann ein Zweifel, wer den Vogel getroffen hat, nicht entstehen. Möglicherweise besteht diese Art des Vogelschießens der St. Sebastiani Armbrustschützen seit dem Jahre 1837.“

Diese Eigentümlichkeit und Besonderheit des Schießens ist bis zum heutigen Tage grundsätzlich beibehalten worden. Nur in Einzelheiten wurde das Regelement ergänzt und aktualisiert: Heute heißt der Spanner Einwinder, die Bogenjungen werden durch Pfeiljungen und –mädchen ersetzt. Jeder Schütze hält nunmehr 23 Pfeile in jeder Runde bereit. Der Schießplatz für jeden Aktiven ist im Halbkreis vor der in der in den rotgelben Farben der Stadt gestrichenen etwa 34 Meter hohen Vogelstange, die ihrerseits auf einem etwa sechs Meter hohen kleinen Hügel steht, festgelegt. Während die Schützen, die der Gesellschaft am längsten angehören, in der Mitte stehen, beginnt jeder neu aufgenommene Schütze, der früher als Nellbeck bezeichnet wurde, sein Schießen am Fuchsberg im Halbkreis außen.

Während die Schützen ihren Standplatz einrichten, wird der Vogel aufgesetzt, wofür der von der Gesellschaft bestimmte Zeugwart verantwortlich ist. Mit tatkräftiger Unterstützung einiger Einwinder wird die hohe Stange heruntergelassen und dann der aus Eschenholz gefertigte bunte Vogel aufgedreht und die Stange wieder aufgerichtet.

Bevor der 1. Schützenmeister das Schießen freigibt, wird durch akustische Signale – Tröten – mit der Aufsichtsperson oben auf dem Berg abgestimmt, ob das Schießgelände frei ist und mit dem Schießen begonnen werden kann. Mit dem Kommando „Einwinden“ beginnt jeweils die Runde des Schießens, deren Dauer auf 15 Minuten festgelegt ist. In dieser Zeit dürfen nur die 23 bereitliegenden Pfeile geschossen werden. Die abgezogene Sehne katapultiert den Pfeil mit etwa 70–80 km/h hoch in die Luft. Ist der Einwinder schnell und geübt, hat der betreffende Schütze bereits vor Ablauf der Zeit seine Pfeile verschossen. Das Ende der Runde wird mit dem Kommando „Nicht mehr Einwinden“ verkündet.

Kurz vor dem Pfeilesuchen

Kurz vor dem Pfeilesuchen


In der folgenden Schießpause suchen die Pfeiljungen und –mädchen, die an ihren rotgelben Armbinden zu erkennen sind, die Pfeile. Um ihre Sicherheit zu gewährleisten, erfolgt eine Absprache mit den Schützen bevor der Schützenmeister mit dem Kommando „Piel op“ zum Suchen auffordert. Sobald die meisten der Pfeiljungen und –mädchen mit den gefundenen Pfeilen den Berg verlassen, signalisiert die verantwortliche Aufsicht auf dem Berg, daß das weitere Suchen zu beenden und der Berg sofort zu verlassen ist. Der leitende Schützenmeister vergewissert sich bei jedem Schützen, ob seine Pfeiljungen und –mädchen zurückgekehrt sind. Mit einem weiteren Signalton und dem Kommando „Einwinden“ gibt der Schützenmeister dann die nächste Runde wieder frei.

Königsvogelschießen

Seit 1837 begann am Fuchsberg das Königsvogelschiessen auf den Holzvogel auf der Stange ungefähr um zwei Uhr nachmittags. Den ersten Schuß gab nach dem Reglement von 1773 der Kaiser, der König oder der älteste Schütze ab. König wurde der Schütze, der den Königsvogel abschoß. Aus der Klasse der Gesellschaft erhielt er 6 Aachener Taler, mußte aber seinerseits im folgenden Jahr am Vogelschußtag ein Mittagsmahl, ferner am Prozessionstag ein Frühstück geben. Außerdem mußte der König der Gesellschaft ein silbernes Schild mit seinem Namen stiften. Nach einem Beschluss von 1670 bekam der König als Zuschuß zu den Kosten des Schildes von jedem Schützen 3 Mark. Im jahre 1786 wurden sowohl die Zuschüsse an den König als auch seine Auflage, den Schützen eine Mahlzeit zu geben, abgeschafft.

Nach dem Statut der Gesellschaft ist der König heute gehalten, ein silbernes Schild von wenigstens 50 Gramm Gewicht, auf welchem sein Name, die Gesellschaft und der Tag des Abschlusses eingraviert sind, der Gesellschaft im Laufe seines Königjahres zu schenken. Er erhält aus der Gesellschaftskasse einen festgesetzten Königssold. Wer dreimal in aufeinander folgenden Jahren den Vogel von der Stange holt, wird Kaiser der Gesellschaft. Früher bekam er von jedem Schützen einen Taler und mußte nach dem Reglement von 1818 ein silbervergoldetes Schild stiften, das Eigentum der Gesellschaft wurde. Auch heute noch sind im geltenden Statut genaue Vorschriften für ein zu stiftendes Schild festgelegt. Eine silber übergoldete Kette wird von der Gesellschaft angeschafft. Beide jedoch bleiben Eigentum der Gesellschaft.

Nach dem Schießen zog die Gilde in früherer Zeit mit Fahne und Musik zur Stadt zurück, und zwar zuerst zur Pfarrkirche, wo das Tedeum gesungen wurde und wo zum Schluß der Pastor den Segen gab. Anschließend brachten die Schützen ihren neuen König zu dessen Wohnung, wo er ihnen eine halbe Tonne Bier oder deren Wert verehren mußte.

Der Königsvogelschuß am Schützensonntag ist auch heute noch der Mittelpunkt des Schützenfestes. Den ersten Schuß gibt nach Aufforderung des 1. Schützenmeisters der amtierende König oder Kaiser ab, begleitet von einem Tusch der Harmonie. Dann wird mit dem Kommando „Einwinden“ das Schießen für die Schützen freigegeben. In der Regel wird der Vogel in der dritten oder vierten Runde von der Stange geholt; jedoch kann es auch vorkommen, daß er in der ersten Runde oder vereinzelt auch viel später, manchmal sogar erst am folgenden Tag fällt. Während des Schießens musiziert vor dem Gästezelt der Gesellschaft der Harmoni-Verein Cäcilia. Ihr Repertorie ist groß; es reicht von flotter Marschmusik über beschwingte Walzer bis zur modernen beliebten Potpourris.

Im Verlauf des Schießens erhält der Vogel etliche Treffer, bis er schließlich mit dem entscheidenden Kerntreffer von der Stange fällt. Der so ermittelte König wird von allen Seiten beglückwünscht, die Musik intoniert das Schützenlied. Der erste Auftritt des Königs erfolgt bald. Er winkt die Kinder zu sich und wirft reichlich Bonbons als Belohnung für das lange, geduldige Warten.

Bis zum entscheidenden Treffer sind zwischenzeitlich von den Schützen eine Vielzahl von Pfeilen geschossen worden. So holte beispielsweise im Jahre 1999 der König mit dem 168. Pfeil den Königsvogel von der Stange. Sieben Runden mit insgesamt 23 Pfeilen ergeben 161 abgeschossene Pfeile; in der achten Runde fiel der Vogel mit dem 7. Pfeil. Insgesamt bedeutet das, dass die im Jahre 1999 anwesenden zehn Schützen etwa 1680 Pfeile geschossen haben, wenn eventuell Ausfälle durch Reparaturen am Gerät unberücksichtigt bleiben.

Gegen 20:00 Uhr endet sonntags das Schießen. Dann ziehen die Schützen zum Abschluß – wie vor dem Schießen – dreimal um die Stange und anschließend mit musikalischer Begleitung der Harmonie durch die Stadt, geleitet durch den an der Spitze gehenden Schützenwart.

Dabei kehrte sie vor Jahren bei den drei Schützen in der Stadt, die im voraus bestimmt waren, für kurze Zeit ein. Ihnen wurde in kleinen Probiergläsern Wein eingeschenkt. Daraus leitet sich wohl der Begriff „Schenken“ bzw. „Schenker“ ab. An diesem Brauch hat sich bis zum heutigen Tag nicht viel verändert. Nach dem Umzug durch die Stadt kehren die Schützen zum Ausklang des Tages bei ihrem Schenker ein, der auf der Generalversammlung nach einem festgelegten Verteilerschlüssel bestimmt wird. Der Neue König wird vor dem Hause des Schenkers feierlich begrüßt. Ihm und den Schützenmeistern wird ein köstlicher Wein dargeboten, während die Harmonie den Präsentiermarsch spielt.

Scheibenpreisschießen

Zur Erinnerung an das Schießen auf die Scheibe wird bei jedem Schützenfest am Sonntag nach dem Königsvogelschuß der „Scheibenpreis“ geschossen. Derjenige, der mit dem erfolgreichen Treffer den Vogel von der Stange holt, wird „Scheibenkönig“ und erringt damit die zweithöchste Auszeichnung der Gesellschaft. Als äußeres Zeichen erhält er die einzige, mit der entsprechenden Jahreszahl versehene Medaille, die die Gesellschaft im Jahr zu vergeben hat. Diese wird als Scheibenpreis dem erfolgreichen Schützen von einem Schützenmeister angesteckt. Der Preis ist bei den Schützen sehr begehrt und zudem auch äußerst dekorativ.

Preisvogelschießen

Nach dem jetzt gültigen Statut ist die St. Sebastini Armbrustschützen-Gesellschaft Anno 1250 Herzogenrath verpflichtet, drei Preise für das Preisvogelschießen auszusetzen. Bei diesen Preisen handelt es sich seit vielen Jahren um Silberbecher, auf die der Name der Gesellschaft sowie das Jahr des Schießens eingraviert sind. Außerdem tragen sie die Bezeichnungen „linker Seitenvogel“, „rechter Seitenvogel“ sowie „Mittelvogel“. Diese Bezeichnungen beruhen darauf, daß bis Ende der 1950er Jahre über das Ende der Vogelstange eine ca. 0,70 m lange Querstange geführt wurde, die in der Mitte einen konisch geformten Ring mit einem etwas größerem Durchmesser als das Stangenende hatte. Damit war ein fester Halt an der Stange garantiert. Auf die seitlichen Enden dieser Querstrange wurden der linke und der rechte Seitenvogel und in der Mitte der Stangenspitze der Mittelvogel aufgesetzt, der etwas höher als die Seitenvögel stand. Diese Vögel waren mit dem entsprechenden Becher als Preis dotiert. Es wurde nun zuerst der linke Seitenvogel geschossen. Nach dessen Abschuß folgte der rechte Seitenvogel und zuletzt der Mittelvogel. Das Abschießen eines anderen als des angesagten Vogels war mit einer Strafe belegt. Im Laufe der Zeit hatte sich gezeigt, daß von der Querstange Pfeile unkontrolliert abprallten und eine Gefahr sowohl für die Schützen als auch für die Zuschauer darstellten. Die Gesellschaft beschloss daher, die Querstange nicht mehr anzubringen, sondern nur noch einen Vogel – wie beim Scheiben- und Königsvogelschuß – auf die Stange zu setzen. Dieser Vogel ist heute linker oder rechter Seitenvogel oder Mittelvogel, wenn er vom Schützenmeister als solcher bezeichnet wird. Sie werden in der angegebenen Reihenfolge hintereinander abgeschoßen, und der erfolgreiche Schütze erhält den entsprechend bezeichneten Becher.

Historischer Stangenaufsatz

Historischer Stangenaufsatz


Neben diesen Preisen der Gesellschaft werden vielfach von Freunden der Gesellschaft zusätzlich noch Preise gestiftet, die im Rahmen des Preisvogelschießens ebenfalls ausgeschlossen werden.

Das Schießen montags wird wie am Sonntag durch das Umschreiten der Vogelstange beendet. Im Anschluß an das Preisvogelschießen ziehen die Schützen wieder mit musikalischer Begleitung durch die Stadt und nun zu ihrem neuen König. Nach der Begrüßung kehren König und Schützen bei ihm ein. Die letzten Stunden im Hause des Königs sind der Ausklang des Schützenfestes.

Gästeschießen

Zum Gästeschießen stellt Josef Oppenhoff in seiner Untersuchung fest, daß schon 1563 fremde Schützen an den Schießspielen teilnahmen und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Besuch fremder Schützen beinahe regelmäßig war.

In Anlehnung an diese Schießspiele führte die Gesellschaft bis vor wenigen Jahren noch ein Gästeschießen durch, das am Sonntag nach dem Königsvogelschuß – falls es die Zeit erlaubte – stattfand. Die Gäste schießen mit den Armbrüsten der Schützen auf den aufgesetzten Gästevogel, der größer als die üblichen Vögel war und als „Schwan“ bezeichnet wird. Aus Sicherheitsgründen wird dieses Schießen derzeit nicht mehr durchgeführt.

Die Gäste stellen sehr bald fest, daß das Schießen mit der Armbrust nicht so einfach ist, wie es zu sein scheint. Mancher Gast versprach nach einem eigenen Versuch, nicht mehr zu kritisieren, wenn die Schützen mitunter vorbeischießen. Der freihändige Schuß ist anstrengend und das gesamte Schießen während des dreitägigen Schützenfestes setzt auch eine gute Kondition voraus.
…aber Freude macht´s!
 
 
 
 
 
 

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